GALANTERIE & VERFLOSSENHEIT
Rezension zu «Zur Kirche» von Volter Kilpi
Schon länger ist der Name Volter Kilpi auch unter Literaturliebhabern im deutschsprachigen Raum kein unbekannter mehr. Zuletzt, als Stefan Moster 2021 Kilpis Schärentrilogie mit «Im Saal von Alastalo» den Auftakt gab. Mehrfach preisgekrönt von ihm übersetzt. Nur drei Jahre später folgt nun mit «Zur Kirche» das zweite Epos dieser Reihe; neuerlich gerühmt, gewürdigt und überschüttet mit Ulysses- und Solitär-Vergleichen.
10. Juni 2026﹒Wien
«Zur Kirche» beschreibt minutiös, ja eigentlich sekundtiös und detailkräftig das Zusammenkommen einer Kirchgemeinde Ende des 19. Jahrhunderts. Die Gemeinde setzt sich aus den Bewohnern mehrerer Schären zusammen, die am Juhannusmorgen jeder für sich aufbrechen, um das Schiff zur Kirche zu erreichen. Von großen, stillen Gedanken bis zu kleinen, lauten Intrigen wird nur alles menschenmögliche, was solch eine Gesellschaft hervorzubringen vermag, auf dem soziologischen Silbertablett literarisch kandiert aufgetafelt.
Um einen Eindruck des Gelesenen greifbar zu machen, bediene ich mich der bibliothekarischen Betrachtungsweise auf Bücher.
Zuerst sei da das eigentliche, physische Exemplar, welches man in den Händen hält. Wie schon der erste Band, ist auch mit dem zweiten eine äußert bibliophile Ausgabe Schriftträger Kilpis Werk geworden: in klarem Satz, leinengebunden und in äußerst ästhetisch gestaltetem Schuber.
Die Übersetzung aus dem finnischen Original ist eine sogenannte Manifestation. Moster überträgt neuerlich in olympisch-sprachakrobatischer Manier in ein Deutsch, wie man es vermutlich selten oder gar noch nie zuvor gehört hat. Adjektivgeschwängert und gespickt von archaisch anmutenden Neologismen wird scharf, klar und kostreich ein eindrückliches Bild vor dem geistigen Auge gezeichnet. Der Leser wird dem flirrenden Sommer auf den Schären mit allen Sinnen habhaft.
Zuletzt bleibt die Ebene des eigentlichen Werks. Hierfür möchte ich mich eines weiteren Vergleichs bedienen. Denn Kilpi schafft Backwerke höchster pâtissierischer Raffinesse. Sprachgeschickt, manchmal schon gekünstelt, werden Dialoge zwischen den Protagonisten gesponnen oder die umgebende Natur molekular bzw. silbenweise seziert. Gleich einer Praline, wie man sie selten findet – und im Moment des Verzehrs genussvoll und langsam auf der Zunge zergehen lässt. Wie es aber nun mit Konfekt so ist: irgendwann wird man bei übermäßigem Genuss der ganzen Sache überdrüssig. Ebenso verhält es sich auch mit «Zur Kirche». Es ist ein Genussbuch. Häppchenweise oder mit viel Zeit lässt es sich langsam und sicher auskosten. Convenience-Food ist dieses Buch hingegen nicht. Und während der eine Zeit und Text genießt, mag es sich für den anderen zäh und langsam anfühlen. Dennoch eine Empfehlung für den kommenden Sommerurlaub im Mökki.
Kilpi, Volter: Zur Kirche – eine Schilderung aus den Schären. Kirkolle. Aus dem Finnischen übersetzt und herausgegeben von Stefan Moster. mare Verlag 2025. 525 Seiten. 978-3-86648-721-5, 54,00€